Viele Menschen kennen dieses Gefühl: Man wacht morgens auf, obwohl man eigentlich
ausreichend geschlafen hat – und fühlt sich trotzdem müde.
Nicht nur ein bisschen erschöpft, sondern tief in den Knochen müde.
Der Kaffee hilft vielleicht kurz. Doch schon wenige Stunden später ist die Energie wieder verschwunden.
Der Kopf ist voll mit Nachrichten, Terminen, Entscheidungen und Erwartungen.
Viele stellen sich dann dieselben Fragen:
Bin ich krank?
Liegt es am Alter?
Oder bin ich einfach nicht mehr belastbar genug?
Vielleicht ist Erschöpfung ein Übergang
Doch was wäre, wenn diese Erschöpfung gar kein Fehler ist? Was wäre, wenn sie ein Hinweis auf
einen inneren Übergang ist?
Die bekannte Psychiaterin Elisabeth KüblernRoss, die durch ihre Arbeit mit sterbenden Menschen bekannt wurde, prägte ein Modell, das später weltberühmt wurde: die fünf Phasen des Sterbens.
Doch im Laufe der Zeit wurde klar, dass diese Phasen nicht nur mit dem Tod zu tun haben. Sie gehören auch zu unserem Leben.
Kübler Ross sprach von den sogenannten „kleinen Toden“. Damit meinte sie jene Momente im
Leben, in denen eine Version von uns endet – damit eine neue entstehen kann.
Vielleicht kennst du das aus deinem eigenen Leben. Du hast jahrelang eine Rolle erfüllt: die Rolle des Problemlösers, des Machers, der Person, auf die sich andere verlassen. Doch irgendwann fühlt sich diese Rolle plötzlich nicht mehr richtig an. Nicht weil du versagt hast, sondern weil sich die Welt verändert hat.
Technologie entwickelt sich rasant. Arbeitsmodelle verändern sich. Gesellschaftliche Erwartungen
verschieben sich. Und plötzlich fühlt sich das Leben so an, als würdest du versuchen, in Kleidung
zu passen, die dir früher perfekt gepasst hat – die heute aber einfach nicht mehr sitzt.
Wenn sich Lebensenergie nach innen wendet
Der Psychologe Carl Gustav Jung beobachtete ein ähnliches Phänomen. Er stellte fest, dass sich
unsere Lebensenergie im Laufe des Lebens verändert. In jungen Jahren fließt sie oft nach außen:
in Karriere, Leistung, Anerkennung und Erfolg. Doch irgendwann beginnt sich diese Energie nach
innen zu bewegen. Jung beschrieb diesen Prozess als eine Art Umkehr der Lebensenergie.
Viele Menschen erleben diese Phase als Müdigkeit oder als Verlust von Motivation. Doch Jung sah
darin etwas anderes. Seiner Ansicht nach verschwindet die Energie nicht. Sie verändert lediglich
ihre Richtung. Sie fließt weniger in äußere Ziele – und stärker in innere Entwicklung.
Jung verwendete dafür ein starkes Bild: die sogenannte Nachtmeerfahrt. Eine Phase im Leben, in
der der alte Weg endet, der neue Weg aber noch nicht sichtbar ist. Diese Zeit kann sich wie
Dunkelheit anfühlen. Wie Orientierungslosigkeit oder Stillstand. Doch genau in dieser Phase
beginnt oft eine tiefere Veränderung. Denn plötzlich tauchen neue Fragen auf: Wer bin ich
eigentlich jenseits meiner Rolle? Was ist mir wirklich wichtig? Und wie möchte ich mein Leben
gestalten?
Der wichtigste Schritt: Akzeptanz
Der vielleicht wichtigste Schritt in diesem Prozess ist Akzeptanz. Akzeptanz bedeutet nicht
aufzugeben. Es bedeutet lediglich, aufzuhören gegen etwas anzukämpfen, das ohnehin gerade im
Wandel ist. Wenn wir diesen inneren Übergang akzeptieren, kann sich etwas Neues entwickeln.
Vielleicht ist deine Erschöpfung also kein Zeichen von Schwäche. Vielleicht ist sie ein Wegweiser.
Ein Hinweis darauf, dass ein Abschnitt deines Lebens endet und ein neuer beginnt. Und dieser
neue Abschnitt beginnt nicht mit noch mehr Druck oder noch mehr Leistung. Er beginnt mit
Vertrauen. Vertrauen darauf, dass jeder Übergang auch ein Anfang ist.
Ich wünsche dir auf deinem Weg des Übergangs von Herzen alles Gute.
Bis bald! Deine Stefanie
